baguazhang-hamburg.de
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Im Buch "The Whirling Circles of Ba Gua Zhang" von Sifu Frank Allen bin ich über die 36 Songs und 48 Methods gestoßen. Es handelt sich dabei um die lange Zeit nur mündlich überlieferten Prinzipien von Training und Anwendung des Baguazhang.

An dieser Stelle werde in in den nächsten Monaten der Reihe nach die Songs und Methods zitieren und um meine persönlichen Gedanken, Ideen und Hinweise ergänzen.

Viel Spaß beim Lesen.

Euer Lars

14. Mai 2013

Hier eine kleine Anleitung aus der Bastelecke:
Dies ist ein Schlagkissen, welches zur Abhärtung der Hände genutzt werden soll. Wobei ich den Begriff "Abhärtung" nicht wirklich passend finde. Es geht hier nicht um stumpfes Draufhauen, bis Schweiß, Blut und bleibende Schäden eintreten. Schläge mit der offenen Hand sind nicht leicht und insbesondere ein Schlag mit der Handinnenseite muss geübt werden, damit er nicht nur eine Backpfeife wird. Also im Folgenden zeige ich kurz die Bastelanleitung und anschließend gebe ich ein paar Übungshinweise.

Ein wichtiger Hinweis schon mal vorab. Auch bei sinnvoll moderater Übungsfrequenz ist DRINGEND davon abzuraten, mit dem Schlagkissen zu üben, solange die körperliche Wachstumsphase noch nicht abgeschlossen ist. So grob setze ich das Alterslimit bei 20 Jahren an. Jungs, auch wenn ihr heiß drauf seid, wartet bis ihr mindestens 20 Jahre alt seid. Ihr tut euch damit einen großen Gefallen und beweist damit, dass ihr wirklich clever trainiert.

Was braucht ihr? 1 Plastiksack, 1 Wäschennetz, Steinchen. Den Sack habe ich aus dem Outdoor-Sortiment. Er sollte mindestens die Größe eurer Hand haben. Größer geht natürlich auch, nur ist das Schlagkissen mit Füllung dann schon ziemlich gewichtig.

Die Größe vom Wäschenetz ist relativ egal, nur sollten eben die Maschen so sein, dass der Kies nicht raus rieselt.

Der Kies kann verschiedene Körnungen haben. Dabei ist Sand praktisch das "weicheste" Modell und je gröber die Steinchen, desto unangenehmer wird´s. Meine Empfehlung sind 2-3 Milimeter. Ach ja, Den Kies kann man wunderbar im Aquarienfachhandel kaufen. Der Sack sollte nicht prall gefüllt sein, sondern so, dass ihr mit eurer Hand einen Abdruck machen könnt.
Jetzt die Bedienungsanleitung:

Schlagkissen ungefähr auf Hüfthöhe hinlegen. Optional hilft auch ein MaBu, um die Höhe anzupassen. Den Arm ausgestreckt über den Kopf nehmen und nur mit der Schwerkraft wie ein Pendel auf das Kissen fallen lassen. Ganz wichtig: entspannt, mit der Schwerkraft fallen lassen. Ja, es schmerzt gerade am Anfang der Übungspraxis, wird aber mit etwas Gewöhnung weniger.

Wie oft? Ich empfehle 10 mal pro Handhaltung (siehe untere Fotos) und nicht öfter als 2mal die Woche! Auch hier wieder mein Apell: geht verantwortungsvoll mit eurem Körper um und übertreibt nicht.
Was bringst´s?

Durchblutung und Lymphsystem n der Hand werden stimuliert. Ihr bekommt mehr Zutrauen, da ihr spürt, wie Schläge mit offener Hand sich anfühlen. Ihr lernt im Kopf zu entspannen (beim Armfallenlassen), trotzdem ihr wisst, dass es gleich bei der Landung etwas schmerzt. Ihr könnt für euch ausprobieren, welche Handhaltung/-spannung am Besten klappt.

Insbesondere beim Schlag mit der Handinnenseite muss man drauf achten, nicht mit den Fingergelenken zuerst aufzutreffen. Das schmerzt und kann sogar die Gelenke prellen. Deswegen die Hand schon auf dem Weg abwärts, wie eine kleine Schüssel formen (Bagua-Hand). So treffen die Fingerspitzen ein paar Millisekunden früher auf und gehen dann auseinander bis die Handfläche trifft. Ungefähr so, wie ein Saugnapf, der angedrückt wird. Wenn ihr das mit wenig Power auf der Tischplatte übt, sollte nach der Landung die Mitte der Handfläche (Lao Gong) die Fläche nicht berühren.

Beim Handkantenschlag ist es wichtig, dass ihr die Fingerknöchel vertikal übereinander haltet, also nicht die Hand in sich kollabiert.

Der Kantenschlag mit der Daumenseite ist etwas für Speziallisten :-). Um den entspannt von oben nach unten auszuführen, müsst ihr seitwärts zum Schlagkissen stehen, über hinten ausholen und den Arm gleichzeitig mit eurem Oberkörper nach unten sausen lassen.

Fröhliches Ausprobieren.

Song Four

Single sided skill in practice is not unique, dual-side practices are a good way to train, change from left to right and right to left, coil the body inward and step backward to find an opening.

Das Schöne am Bagua ist, das systematisch beide Körperhälften/ Richtungen trainiert werden. Beide Gehirnhälften werden aktiviert und die rechte Gehirnhälfte (bei Rechtshändern) wird herausgefordert, ebenso gut zu werden wie die linke.

"Find an opening" meint de Moment, in dem wir Kontakt haben mit dem Gegner/ Partner. Also vielleicht de ersten Angriff abwehren. Wie bei allen inneren Kampfkünsten suchen wir zuerst die "Lücke", um dann für einen Moment die Kontrolle zu übernehmen. "Coil the body inwards" heißt, die Kraft, die auf uns zu kommt, mit einer Einwärtsdrehung aufzunehmen. Wichtig: ob es eine Einwärts- oder Auswärtsdrehung ist, hängt von der Schrittposition ab. D.h. hier haben wir auch gleich einen Hinweis auf die Schritttechnik.

Meiner Meinung nach ist dabei ein Schritt rückwärts nicht zwingen erforderlich. Es kann sein, das die Distanz schon passt - dann ohne Schritt. Oder, dass ein Schritt nach vorne an die Seite des Partners sinnvoll ist.

17. März 2013

Song Two

The rear elbow is folded and in line with the stomach, the palm turns downward and extends forward. The rear palm is below the elbow of the lead arm,both palms coordinate in harmony to become to one whole power.

Hier gibt es jetzt Hinweise für die Haltung des unteren Arms in der Grundposition. Die untere Hand sitzt etwa auf Bauchhöhe - oder, wenn man diese Position inklusive der Oberkörpertorsion am Kreis ausführt, dann ist die Hand an der inneren Flanke auf Nierenhöhe. In jedem Fall hat diese Hand eine schützende Position.

Die Handfläche zeigt nach unten, steht im Song. Tatsächlich habe ich schon verschiedene Varianten gesehen, von einer unteren Hand, die gleichermaßen aufgestellt ist, wie die obere, bis zu einer Handfläche, die komplett nach unten zeigt. Für mich persönlich liegt die beste Haltung irgendwo dazwischen. Was ich anstrebe, ist die stimmigste Torsion für den gesamten Arm - von Schulter bis in die Fingerspitzen.

Das führt mich auch zum letzten Satz von Song 2: beide Arme/Hände sind koordiniert und bilden eine Einheit/Kraft. Beide Arme sind über den Schultergürtel miteinander verbunden. Das gilt für diese Position und ebenso für jede andere Bagua-Position. Verbunden von Fingerspitzen zu Fingerspitzen. Beide Arme haben eine Torsion und schrauben sich in ihrer Richtung nach vorne. Dazu sollte folgendes für die Haltung des unteren Arms beachtet werden. Unter der Achselhöhle ist etwas Raum, Der Arm ist an jeder Stelle etwa eine faustbreit vom Körper entfernt und der Ellenbogen orientiert sich nach außen, so dass der gesamte Arm sich wie eine "Rutsche" nach unten und vorne windet. Dabei liefert das Handgelenk für mich die letzte Kurve und ist bei mir leicht aufgestellt und dabei auch leicht zum Körper angewinkelt.

Beide Arme sind über Schultern und Rücken verbunden. Als Test kann der Trainingspartner beide Handgelenke greifen und abwechselnd leicht in die Armstruktur drücken. Selbst mit nur leichtem Muskeltonus sollte der Druck, der in den rechten Arm gegeben wird, auch in dem linken Arm rauskommen und natürlich auch umgekehrt.

Song Three

Walking with curved step and straight foot, pushing the millstone is the same motion, twisting the waist, hips, knees and feet, with steady steps, watch the surroundings.

Wenn wir am Kreis gehen, dann macht der äussere Schritt den Winkel, damit wir auf der Kreisbahn bleiben. Und dieser Winkel ergibt sich aus einem Kou Bu, der Winkel variiert mit dem Kreisdurchmesser.

Ich denke, dass mit "straight foot" dann der nachfolgende Schritte gemeint ist, der gerade (tangential zum Kreis) gesetzt wird. Eine andere mögliche Deutung wäre, dass der Fuß sich beim Kou Bu nicht verbiegen soll, sondern der Winkel primär aus dem Sprunggelenk kommt.

Der "Millstone" ist der Hinweis darauf, dass selbst wenn alle physischen Ausrichtungen eingehalten werden, das Ganze sich nicht wie Spazierengehen anfühlen darf. Geschwindigkeit und Koordination der Schritte sollten soviel Aufmerksamkeit von uns bekommen, als würden wir tatsächlich einen schweren Mühlstein im Kreis anschieben. Keinen "leeren" Bewegungen, zu jeder Zeit eine verbundene Struktur. Und das ist natürlich eine immense Konzentrationsarbeit, die aber den entscheidenden Unterschied für den Trainingserfolg bringt.

"Watch the Surroundings" legt da noch mal einen oben drauf. Das hohe Maß an Aufmerksamkeit für die Bewegung und Körperwahrnehmung zu leisten, ist definitiv der erste Schritt. Erst wenn das nach einigen Monaten des Trainings gut klappt, dann sollte man versuchen, das periphere Sehen auszuweiten und auch die Ohren auf 360° zu stellen. Um diese hohe Konzentration auf zu bringen, muss ich selbst schon in einem meditativen Zustand sein. Wenn jedoch die Erweiterung der Sinne auf die weitere Umgebung zur Folge hat, dass die Schritte wieder wacklig werden, dann ist es einfach noch zu früh für diesen Teil des Trainings.

10. Februar 2013

Song One

The chest relaxes, the crown of the heads lifts up, and the waist sinks, The toes point inward with the steps, the knees are close to each other. The shoulders sink, the elbows drop, and the front palm extends forward, The eyes look through the space between the thumb and the index finger.

Dies ist der erste Teil von Anweisungen zur korrekten Körperhaltung beim Training. Wie für alle noch folgenden Anweisungen gilt, die Körperhaltung darf nicht erzwungen werden. Sie sollte lebendig sein und nach einer gewissen Zeit des Trainings immer mehr durch gezielte Entspannung anstatt von Anspannung erreicht werden.

Zum Beispiel "heads lifts up" trainiere ich gerne mit der Vorstellung, eine Krone auf dem Kopf zu tragen. Das erfordert einen aufgerichteten Kopf, aber zu allererst auch eine Achtsamkeit für den Scheitelpunkt des Kopfes. Ebenso "front palm extends forward" meint kein äußerlich sichtbares Ausstrecken der Hand, sondern viel mehr das bewußte Weiten von Handgelenksregion und Fingergelenken. Das kommt dem Moment gleich, kurz bevor wir etwas mit der Hand vorsichtig greifen. Um den Gegenstand mit dem richtigen Maß an Druck zu greifen, ist unser Gehirn kurz vor dem ersten Kontakt voller konzentrierter Achtsamkeit, eben um sofort im ersten Augenblick die Kraft dosieren zu können.

"The waist sinks" ist wahrscheinlich für den Anfänger die schwierigste Aufgabe. Ziel ist es den unteren Rücken zu begradigen und so einen Kraftschluss zwischen Hüfte und Oberkörper zu erreichen. Das ist Grundlage für jegliche Kraftübertragung vom Boden in die Hände, sowie umgekehrt die Ableitung von äusserer Kraft in den Boden. Auch gerne auf Englisch als Groundpath bezeichnet. Das ist ebenso auch im Tai Chi und Yiquan wieder zu finden, nur ist es im Bagua etwas schwerer zu trainieren, da in den meisten Bewegungen gleichzeitig eine Torsion im Oberkörper passiert. Zu Beginn kann die Hüfte nur willentlich abgesenkt werden und muss folglich während des Training immer wieder nach korrigiert werden. Hüfte absenken ist synonym für Steißbein sinken lassen oder Becken nach vorne kippen. Ich persönlich mag Steißbein sinken lassen am liebsten, weil es die Entspannung und die Passivität unterstreicht. Also nicht an der Hüfte verzweifeln, sondern immer fleissig sinken lassen und möglichst entspannen - es lohnt sich ;-)

"Knees close to each other" ist natürlich abhängig von der Schrittweite. Gerade als Anfänger sollte man eher kurze, langsame Schritte machen, dass trainiert die Balance am besten. Hierfür ist eine Schrittweite die Beste, wenn tatsächlich in der Schrittstellung beide Knie noch parallel zu einander stehen. Ziel ist es, Beine und Hüfte zu einer Einheit werden zu lassen. Das spielt natürlich mit dem gesamten Schritttraining zusammen. Wenn das vordere Bein aufsetzt ist es immer noch nahezu ohne Gewicht - 90% des Gewichts ruht immer noch auf dem hinteren Bein. Erst dann wird das Gewicht verlagert, bis der hintere Fuß leicht abgehoben wird und parallel zum Boden nach vorne geführt wird (so zumindest im Mud Step). Das Ganze klappt nur geschmeidig und ohne Wackeln, wenn Hüfte und Beine als eine Einheit arbeiten - Einheit nicht im Sinne von "fester Block", sondern im Sinne von Verbundenheit, wie Zahnräder, die in einander greifen.

Zum Schluß noch eine Hinweis zu "Eyes look through the space...". Nicht zu viel auf einmal abverlangen. Gerade für einen Anfänger sind allein die Schritte schon ein Herausforderung und ein kleiner Kontrollblick zu den eigenen Füßen ist immer erlaubt, denn man will schließlich ja auch wissen, was da unten so passiert ;-)

Bis zum nächsten Mal.